Gesund leben, ohne alles optimieren zu müssen – wo liegt die richtige Balance?
Wie viel können und sollten wir für unsere langfristige Gesundheit tun? Und wann wird aus gesunder Selbstfürsorge ein Anspruch, der uns zusätzlichen Stress macht? Eine persönliche Reflexion nach dem Pro-Age Festival in Berlin.
Am vergangenen Wochenende war ich beim Pro-Age Festival von XbyX in Berlin. Ein tolles Event mit rund 1.000 Frauen, vielen spannenden Vorträgen, wertvollen Begegnungen und jeder Menge Wissen darüber, was wir für unsere Gesundheit tun können.
Ich bin mit vielen neuen Impulsen nach Hause gefahren. Aber auch mit einer Frage, die mich schon seit Jahren immer wieder beschäftigt:
Wie finde ich die Balance zwischen dem Wunsch, möglichst lange gesund zu bleiben, und dem Anspruch, immer noch mehr für meine Gesundheit tun zu müssen?
Denn so sehr ich mich für Prävention, Frauengesundheit und gesundes Älterwerden begeistere, so sehr merke ich manchmal auch, wie anstrengend es sein kann, all das Wissen über Gesundheit im eigenen Alltag umzusetzen.
Gesund leben bedeutet für mich auch, die Leichtigkeit und Freude an den Dingen zu bewahren, die mir guttun.
Je mehr wir wissen, desto mehr könnten wir tun
Ich beschäftige mich schon lange intensiv mit Gesundheit. In meiner Ausbildung zur ganzheitlichen Gesundheitsberaterin, in meiner langjährigen Arbeit in der betrieblichen Gesundheitsförderung und zuletzt in meiner Ausbildung zur Wechseljahresberaterin.
Dabei begegnen mir immer wieder neue Erkenntnisse und Empfehlungen. Und ich finde es großartig, dass wir heute so viel darüber wissen, wie wir unsere Gesundheit positiv beeinflussen können.
Gerade die Wechseljahre sind eine wichtige Lebensphase, um genauer hinzuschauen. Die hormonellen Veränderungen können unter anderem Auswirkungen auf unsere Knochen, Muskeln, das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel und das Gehirn haben.
Es lohnt sich also, die eigene Gesundheit bewusst in die Hand zu nehmen.
Und trotzdem frage ich mich manchmal: Wie viel davon muss ich eigentlich selbst noch umsetzen?
Ich mache schon seit vielen Jahren ziemlich viel für meine Gesundheit. Ich bewege mich regelmäßig, ernähre mich ausgewogen, rauche nicht, trinke kaum Alkohol und habe meine Rituale, die mir auch in stressigen Zeiten helfen.
Eigentlich eine gute Basis, oder?
Aber wenn ich mir all die Empfehlungen anschaue, fällt mir sofort ein, was ich noch besser machen könnte.
Ich bewege mich viel, aber mache zu wenig gezieltes Krafttraining.
Ich ernähre mich gesund, aber erreiche ich wirklich jeden Tag die empfohlene Proteinmenge? Esse ich ausreichend Ballaststoffe? Bin ich mit allen Mikronährstoffen gut versorgt?
Und obwohl ich weiß, wie wichtig Entspannung ist, neige ich selbst dazu, mir manchmal zu viel vorzunehmen und möglichst alles gut machen zu wollen.
Da entsteht schnell das Gefühl, dass das, was ich bereits tue, noch nicht ausreicht.
Müssen unsere Gesundheitswerte immer optimal sein?
Ein Vortrag beim Pro-Age Festival hat mich besonders beschäftigt. Dr. Helena Orfanos-Boeckel sprach darüber, wie wir mit Nährstoff- und Hormontherapie und einer gezielten Behandlung gesundheitlicher Risikofaktoren langfristig vorbeugen können.
Ich schätze ihre Arbeit sehr und habe auch ihre Bücher.
Sie unterscheidet bei vielen Laborwerten zwischen dem, was medizinisch noch im Normbereich liegt, und Bereichen, die sie für eine langfristige Gesundheitsvorsorge als besonders günstig ansieht.
Das finde ich interessant. Gleichzeitig bringt es mich aber auch zu einer Frage, die ich mir immer wieder stelle:
Wie optimal müssen unsere Werte eigentlich sein?
Was mache ich beispielsweise, wenn mein Arzt mit meinen Blutwerten zufrieden ist, ich aber in einem Buch lese, dass ein anderer Bereich möglicherweise noch gesundheitsförderlicher wäre?
Brauche ich dann Nahrungsergänzungsmittel? Sollte ich versuchen, meine Werte weiter zu verbessern? Oder ist mein aktueller Zustand bereits vollkommen ausreichend?
Gerade in der Gesundheits- und Präventionswelt entsteht manchmal der Eindruck, dass es ohne zusätzliche Präparate, Messungen und gezielte Optimierung kaum noch geht.
Dabei gibt es auch gute wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie viel eine ausgewogene Ernährung bewirken kann. Die mediterrane Ernährung beispielsweise ist gut untersucht und mit zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen verbunden.
Natürlich können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein, etwa bei einem nachgewiesenen Mangel oder in bestimmten Lebenssituationen. Aber nicht jeder vermeintlich suboptimale Laborwert muss automatisch behandelt werden. Und nicht jeder individuell empfohlene Zielbereich ist durch wissenschaftliche Studien gleichermaßen abgesichert.
Ich finde es wichtig, hier zu unterscheiden: Was ist wirklich notwendig? Was ist sinnvoll? Und was ist vielleicht nur noch das berühmte i-Tüpfelchen?
Wenn gesunde Gewohnheiten selbst zum Stressfaktor werden
Was mich dabei besonders beschäftigt, ist der mögliche Widerspruch zwischen Gesundheitsvorsorge und Lebensqualität.
Wir wissen, dass chronischer Stress unserer Gesundheit schaden kann. Wir wissen auch, wie wichtig ausreichender Schlaf, Erholung und ein guter Umgang mit Belastungen sind.
Gerade in den Wechseljahren erleben viele Frauen Veränderungen ihres Schlafs, ihrer Stimmung und ihrer Stressverarbeitung. Für manche fühlt sich der Alltag dadurch anstrengender an als früher.
Und ausgerechnet in dieser Lebensphase sollen wir nun möglichst vieles optimieren?
Regelmäßig Krafttraining machen, ausreichend Ausdauertraining, genügend Proteine und Ballaststoffe essen, auf unsere Blutwerte achten, gut schlafen, Stress reduzieren, Entspannungsübungen machen und vielleicht noch diverse Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.
Jede einzelne Empfehlung kann für sich genommen sinnvoll sein.
Aber was passiert, wenn wir versuchen, alles gleichzeitig umzusetzen?
Wenn Gesundheitsvorsorge zusätzliche Zeit, Geld und Energie kostet? Wenn wir uns unter Druck setzen, weil wir das Gefühl haben, noch nicht genug zu tun?
Dann kann aus etwas, das uns eigentlich guttun soll, eine weitere Belastung werden.
Was wir von den Blue Zones lernen können
Vielleicht faszinieren mich auch deshalb die sogenannten Blue Zones.
Das sind Regionen, die durch eine auffällig hohe Zahl langlebiger Menschen bekannt geworden sind. Auch wenn einzelne Daten und Erklärungsmodelle wissenschaftlich diskutiert werden, finde ich die Grundgedanken dahinter sehr wertvoll.
Denn dort steht nicht die ständige Optimierung einzelner Gesundheitswerte im Vordergrund.
Vielmehr sind gesundheitsförderliche Gewohnheiten häufig ganz selbstverständlich in den Alltag eingebunden.
Menschen bewegen sich regelmäßig, weil Bewegung Teil ihres Lebens ist. Sie pflegen soziale Beziehungen, haben Aufgaben, die ihnen Sinn geben, und leben in Gemeinschaften, in denen gegenseitige Unterstützung eine wichtige Rolle spielt.
Es geht nicht nur um Ernährung und Bewegung. Es geht auch um Zugehörigkeit, Lebensfreude und Lebenssinn.
Genau das ist auch eine zentrale Botschaft in meinem Vortrag über gesundes Älterwerden, den ich für Unternehmen anbiete.
Gesundheit entsteht nicht allein durch das, was wir gezielt für sie tun, sondern auch dadurch, wie wir unseren Alltag gestalten.
Und manchmal denke ich dabei auch an meine Großeltern.
Mein Opa wurde immerhin 102 Jahre alt. Beide haben einen großen Teil ihres Lebens bei guter Gesundheit verbracht. Ohne Fitnessstudio, ohne tägliche Proteinberechnung und ohne ständige Kontrolle ihrer Mikronährstoffwerte.
Natürlich lässt sich daraus keine allgemeine Empfehlung ableiten. Medizinische Versorgung, Lebensbedingungen, genetische Faktoren und auch Glück spielen eine Rolle.
Aber es erinnert mich daran, dass ein gesundes Leben nicht zwangsläufig ein perfekt durchgeplantes Leben sein muss.
Ich möchte die Leichtigkeit nicht verlieren
Vielleicht ist das für mich persönlich der wichtigste Punkt.
Ich möchte weiterhin gut für meine Gesundheit sorgen. Ich möchte verstehen, was sich in meinem Körper verändert, gerade auch in und nach den Wechseljahren. Und ich möchte die Möglichkeiten nutzen, die uns die moderne Präventionsmedizin bietet.
Ich bin beispielsweise auch eine Befürworterin der menopausalen Hormontherapie und nutze sie selbst. Für mich geht es also keineswegs darum, moderne medizinische Möglichkeiten grundsätzlich abzulehnen.
Aber ich möchte nicht das Gefühl haben, dass mein Alltag aus einer endlosen Liste von Gesundheitsaufgaben besteht.
Ich möchte mit Freunden essen gehen, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob das Abendessen zu spät stattfindet oder optimal zusammengesetzt ist.
Ich möchte Sport machen, der mir Spaß macht, auch wenn er vielleicht nicht sämtliche Anforderungen an das ideale Training für Muskeln, Knochen und Herz-Kreislauf-System erfüllt.
Ich möchte auch mal nichts tun, ohne das Gefühl zu haben, diese Zeit besser nutzen zu müssen.
Denn Lebensfreude und Leichtigkeit sind für mich keine Nebensache. Sie gehören zu einem guten Leben dazu.
Vielleicht ist gut genug manchmal wirklich gut genug
Ich habe für mich auf diese Frage noch keine endgültige Antwort gefunden.
Wahrscheinlich wird sie mich auch weiterhin begleiten. Denn ich bin neugierig, interessiere mich für neue wissenschaftliche Erkenntnisse und möchte natürlich möglichst lange gesund und aktiv bleiben.
Aber ich versuche, bewusster zu unterscheiden:
Was hat einen wirklich großen Einfluss auf meine Gesundheit? Welche Gewohnheiten tun mir gut und lassen sich dauerhaft in meinen Alltag integrieren? Und wo beginne ich, mich wegen eines möglichen zusätzlichen gesundheitlichen Vorteils unter Druck zu setzen?
Vielleicht liegt die Kunst nicht darin, alles richtig zu machen.
Sondern darin, die wichtigen Dinge regelmäßig zu tun, medizinische Risiken ernst zu nehmen und gleichzeitig genügend Raum für das Leben selbst zu lassen.
Denn was bringt es mir, alles für ein langes Leben zu optimieren, wenn ich dabei die Freude am Leben verliere?
Mich interessiert sehr, wie andere Menschen mit dieser Suche nach der richtigen Balance umgehen. Geht es euch denn auch so wie mir? Gerade eben vielleicht, weil ihr schon viel wisst?
Wie viel Gesundheitsvorsorge tut euch gut? Und kennt ihr auch das Gefühl, immer noch etwas mehr tun zu müssen?